Mukbang – Das Essen der Anderen

Gehörst du auch zu denen, die ab und an Fotos von ihrem Essen machen? Oder kannst du über diese seltsame Angewohnheit nur fassungslos den Kopf schütteln?

Egal zu welcher Fraktion zu gehörst – dir ist dieses Phänomen unserer Zeit bekannt. Aber hast du auch schon mal von Mukbang gehört? Nein? Mukbang ist eine „Social Eating“-Bewegung und hebt den Foto-Food-Trend aufs nächste Level.

Social Eating – Der Food-Trend aus Südkorea

Das Prinzip: Menschen beobachten Menschen vor laufender Kamera dabei, wie sie große Mengen an Nahrung in sich reinschaufeln – pardon: ein opulentes Mahl genießen – und dabei mit ihren Zuschauern chatten.

Mukbang stammt wie so viele kuriose Trends aus Südkorea und macht seit 2010 die Livestreaming-Plattformen des Internets unsicher. Der Begriff Mukbang setzt aus den koreanischen Wörtern für „Essen” (먹는; Meokneun) und „Liveübertragung” (방송; Bangsong) zusammen. Essen hat in Korea eine besondere Bedeutung.

Es ist unabdingbarer Bestandteil des Familienlebens und hält Beziehungen zusammen, mehr noch als es in anderen Ländern tut. Das koreanische Wort für Familie (가족; gajok) meint buchstäblich „die, die zusammen essen“.

Online-Essen gegen Einsamkeit

Das letzte, was der Koreaner nach einem langen Arbeitstag tun möchte ist also: alleine in seiner Wohnung essen. Was macht er also? Er nimmt sein Smartphone zur Hand oder setzt sich vor seinen Computer und sucht nach einer Mukbang-Liveübertragung. Dann erfreut er sich daran, einem netten, ebenfalls hungrigen Menschen gegenüber zu sitzen und mit ihm gemeinsam zu schmausen.

Wenn du ein Essen-Fotografierer bist, kommt dir dieser Impuls vielleicht ein bisschen bekannt vor. Oder auch einfach, wenn du allein wohnst und abends zu müde oder abgeschlafft bist, dich noch groß zu verabreden.

Fotos von seinem Essen zu machen entspringt schließlich dem spontanen Impuls, diesen leckeren Moment mit anderen zu teilen. Die Freude über den Anblick des majestätischen Kunstwerks aus Brot, Patty, Guacamole und Chilimayonaise sowie goldglänzenden, perfekt geformten Kartoffelhalmen (im Volksmund auch profan „Pommes“ genannt) nicht mutterseelenallein zu genießen.

Also Smartphone gezückt, auf Senden gedrückt – und schon ist es ein bisschen so, als ob du eigentlich in Gesellschaft (b)is(s)t.

Mukbang in Deutschland

 

Wie so viele koreanische Phänomene schwappte der Food-Trend innerhalb kürzester Zeit in den Rest der Welt und bis nach Deutschland über. Trends aus Korea zu imitieren ist heute ja fast so angesagt wie einst Kults aus Skandinavien. Das gilt nicht nur für unser liebgewonnenes Bibimbap, Kimchi oder koreanisches Barbecue.

Auch die Möglichkeit, anderen Menschen bei Alltags-Tätigkeiten zuzuschauen, ist nicht neu. Du kannst anderen zusehen, wie sie ihren Hobbys nachgehen, Life-Hacks vorstellen oder fernsehen. Besonders beliebt: sich Reaktionen auf spannende Schlüsselszenen von Serien anzusehen. Man denke etwa an die schreckverzerrten Gesichter beim Schauen der Game of Thrones-Folge „Die Rote Hochzeit“.

Was dabei jedoch noch fehlt, ist der Live-Aspekt. Zwar gibt es auch viele Videos, bei denen der Mukbanger sich einfach bei seinem Essen aufnimmt. Aber die Ursprungsidee ist es, reale Situationen zu imitieren, in denen du Menschen live beim Mampfen zusiehst. Besonderer Wert wird dabei auf optimale Tonqualität gelegt, oft verstärkt durch besonders hochwertige Mikrofone. Man soll nicht nur sehen, was das Gegenüber isst, sondern auch hören!

Dein Dinner-Date im Internet

Dabei erklärt und zeigt der Online-Esser seinen Zuschauern jeden Bestandteil seines Mahls ganz genau, erzählt, was es ist und wie es schmeckt. Anhänger begeistern sich dafür, dass, jemandem „in Echtzeit“ beim Essen zuzuschauen und dabei mit ihr oder ihm zu chatten, sich fast genauso anfühle, wie eine Verabredung im Restaurant.

Genau – die Mukbanger essen nicht unbedingt allein im stillen Kämmerchen. Sie nehmen ihre Zuschauer mit ins Restaurant, ins Café oder wo immer sonst es viel zwischen die Kiemen gibt.

Wozu also verabreden? Denn anders als in der realen Situation, findest du Mukbang-Stars immer genau dann, wenn du Hunger und Lust auf Gesellschaft hast. Kein Verabreden, kein Vorausplanen nötig. Praktisch!

Mukbang fand in Korea fruchtbaren Boden

Warum Mukbang gerade in Korea so groß geworden ist? Sind die armen Koreaner etwa besonders einsam? Dazu muss man wissen, dass Korea einen anderen Bezug zu mobilen Medien und deren Einbezug in den Alltag hat.

Wer denkt, dass hierzulande schon Menschen überall an öffentlichen Orten bedroht sind, in ihre Smartphones gesaugt zu werden, macht sich keinen Begriff von der Allgegenwärtigkeit des mobilen Online-Lebens in Korea.

Jahrelang hatten die Koreaner das schnellste Internet weltweit. Wo bei uns Video-Streamen noch oft hakt oder lange buffert, läuft es dort absolut reibungslos. Und weil das so gut funktioniert, findet heute die Mehrheit des Online-Videoschauens auf dem Smartphone statt – und zwar ständig und überall.

Vollzeit-Esser sein – und reich werden

Okay – warum Menschen anderen beim Schmausen zusehen dürfte geklärt sein. Aber was ist mit der anderen Seite? Was für Leute essen regelmäßig Mengen, die eine ganze Familie drei Tage lang ernähren könnte?

Die Antwortet ist so simpel wie einleuchtend: Sie verdienen damit Geld. Einige sogar ihren gesamten Lebensunterhalt. Essen als Job – klingt super, oder?

Als Online-Esser kannst du umgerechnet bis zu 10.000 € verdienen – und mehr, wenn du es vollberuflich machst. Was in Deutschland noch eher dem reinen Entertainment geschuldet ist, kann dich in Korea also reich machen.

Der größte Star am Mukbang-Himmel ist derzeit Inah Cho. Sie ist Online-Esserin höchsten Kalibers und isst regelmäßig für 115.025 Follower – jeden Abend fünf bis sechs Stunden, vier bis fünf Mal die Woche. Das Geld sammelt sie in Form von „Star Balloons“ ein. Das sind Centbeträge, die ihre Fans ihr während des gestreamten Gelages über eine App oder den Laptop als Belohnung zusenden.

Leben wie im Schlaraffenland? Nicht ganz

Doch der Job als Profi-Esser hat Schattenseiten. Um ihre Figur zu halten und gesund zu bleiben, müssen die Stars die verschlungenen Kalorienmassen am nächsten Tag wieder mühsam abtrainieren.  Koreanern wird zwar ein schneller Stoffwechsel nachgesagt, und koreanisches Essen mag von Natur aus fettärmer sein als etwa Amerikanisches.

Doch ein halbes Pfund Schweinebauch, drei Portionen Bibimbap, fünf Packungen Ramen, tellerweise Kimchi und eine Palette von Desserts gehen auch an koreanischen Astralkörpern nicht spurlos vorbei.

Fazit: Mukbang ist ein Food-Trend für echte Rampensäue, bei dem du zumindest in Korea ordentlich Asche machen kannst. Auch wenn’s verlockend klingt – gesundheitlich empfehlenswert ist das Massenschlingen nicht. Lieber in Maßen leckere Dinge futtern und sich mit echten Menschen im echten Leben dran erfreuen. Amen.

 

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