Hässliches Essen – der Gegentrend zur foodporn-Bewegung

Der Bedeutung von Essen ist nicht weniger als ein kleines Stück Zeitgeschichte. Schon immer repräsentierte Nahrungsaufnahme nicht nur die bloße Versorgung unseres Körpers mit Nährstoffen, sondern auch Lebenswandel und gesellschaftlichen Status.

Wie sehr das zutrifft, zeigt sich heute in dem durchgreifenden Trend, sein Essen vor dem Verzehr abzufotografieren und mit einem schicken Hashtag wie #foodporn, #nomnomnom, #instafood oder #yummy auf Plattformen wie Instagram & Co. zu posten.

Foodporn – Essen wie aus dem Katalog. Quelle: https://www.instagram.com/explore/tags/foodporn/?hl=en

Die Instagram-Formel: schönes Essen = schönes Leben

Natürlich nicht irgendwelches Essen. Kaum ein Verwender solcher Hashtags wird seinen Followern eine Schüssel Fertignudeln an einem einsamen Feierabend im Netz präsentieren. Auch die Currywurst mit Pommes vom Imbiss nebenan findet selten ihren Weg in die sozialen Medien.

Jeder weiß schließlich, wie sowas aussieht. Und als Dokumentation eines besonders hippen/urbanen/gesunden/skurrilen/kultivierten Lifestyles taugt das Standard-Fastfood, so lecker es auch sein mag, ebenfalls kaum.

Das digitale Netzwerk selbsternannter Foodies will mehr. Mehr Tamtam, mehr Glamour, mehr Je ne sais quoi – einfach mehr! Schließlich ist der Mensch, wie wir von Philosoph Ludwig Feuerbach wissen, was er isst. Ich instagramme, also bin ich! Oder?

Schokoliebe! Fast zu schön, um wahr zu sein. Quelle: https://www.instagram.com/p/BfvtgUXDLUD/?tagged=chocolatesouffle

Der Anti-Foodtrend: Bilder von unappetitlichem Essen

NEIN scheinen die Vertreter des Gegenstücks zur #instafood-Anhängerschaft zu rufen und posten im Onlinedienst fürs schöne Leben, was nie jemand je zu posten gewagt hat: richtig hässliches Essen.

Essen, das bei keinem Food-Wettbewerb der Welt auch nur einen Blumentopf gewinnen würde. Das hässliche Entlein in einer Welt auf Hochglanz gefilterter Kunstaufnahmen. Der ungeliebte Stiefbruder in einer Familie aus Guacamole-Rote-Bete-Burgern, glutenfreien Lachs-Brioche-Brötchen mit Avocado und Waldbeer-Schokoladensoufflets mit herrlichem, flüssig auslaufendem Kern.

Essen darf wieder einfach Essen sein

Ich spreche von Essen, so unprätentiös, dass man sich zweimal überlegt, ob man es schamlos zum Pyjamaabend mit der besten Freundin mitbringen kann.

Du weißt, was ich meine? Dann willkommen in einer Welt jenseits von Perfektion. In der Essen einfach Essen sein darf. Es von seinem Leistungsdruck, uns als Statussymbol zu dienen, befreit wird und sich in seinem anderen, unansehnlichen Extrem zeigen darf.

Nicht schön, aber essbar. Quelle: https://www.instagram.com/cookingforbae/?hl=de

Einem, das, sind wir mal ehrlich, uns im echten Leben so viel häufiger begegnet als sein glattgestriegelter, verhasster #foodporn-Bruder. Denn der glänzt im alltäglichen Leben – und der heimischen Küche sowieso – ohnehin viel zu oft durch Abwesenheit.

Der Instagram-Account Cooking for Bae zeigt Gerichte aus dem Leben. Quelle: https://www.instagram.com/p/BeN3_C1hGW1/?taken-by=cookingforbae

Was wir dafür umso häufiger sehen: zusammengewürfeltes Restegemüse mit Reis (mit Wohlwollen als Risibisi zu bezeichnen), Geschnetzeltes in grauer Soße, undefinierbarer Käsematsch mit platten Rigatoni. Toast Hawaii. Oder gar die TK-Pizza. Bescheiden, solide und immer für dich da.

Hässliches Essen erobert das Internet

Gerichte also, die bei Germany’s Next Top Food leider kein Foto bekämen. Die aber verdammt lecker sein können und manchmal einfach sein müssen. Wenn der Hunger größer ist als die Augen nämlich und vor dem ersten Bissen keine Zeit für „Licht, Kamera, Action“ bleibt. Man einfach nur reinhauen will.

Zahlreiche Foodblogs und Webseiten widmen sich seit ein paar Monaten geschlossen dem Vorhaben, hässliches Essen zurück ins mediale Bewusstsein zu bringen. Schaubühne der Gegenbewegung sind natürlich auch hier Instagram, Twitter, Facebook und Co.

Der Blog Worst of Chefkoch ist ein buntes Sammelsurium der schaurigsten Gerichte, die Hobbyköche auf Chefkoch.de je gepostet haben, aufgepeppt mit lustigen Texten zur möglichen Entstehungsgeschichte. Unbedingt probieren solltest du die „Knössants“ …

Halb Knödel, halb Croissant. Quelle: https://worstofchefkoch.tumblr.com/

Immer mehr Menschen nutzen die Plattformen, um ein Gegengewicht zum maßlosen In-Szene-Setzen und Eventisieren der Nahrungsaufnahme zu schaffen. Und diese Bilder anzusehen, macht so unglaublich viel mehr Spaß.

Wahrscheinlich werden deine Lefzen bei ihrem Anblick nicht anfangen, Flüssigkeit abzusondern. Aber du wirst auch nicht, von Minderwertigkeitskomplexen geplagt, in deinen Erbseneintopf weinen und dich fragen, was du im Leben falsch gemacht hast.

Die wilden 70er – servieren jenseits von Gut und Böse

Seine Hochzeit hatte hässliches Essen wohl in den 70er Jahren. Diesem einen, gloriosen Jahrzehnt, in dem Mettigel, halbe Eier mit Thunfischcreme und Gelee-Terrine als Muss bei jedem salonfähigen Buffet auftrumpften, wie der Twitter-Account 70s Dinner Party eindrucksvoll zeigt.

Mmmmh, Gemüse in Aspick! Quelle: https://twitter.com/70s_party/status/676780755830366208/photo/1

Damals wurde Obst nicht einfach geschnitten. Weintrauben, Melonenhäppchen und Ananasstücke wurden aufwendig aufgespießt und, in geometrischen Mustern angeordnet, in ein anderes Obst gesteckt! Man glaubt es nicht.

So majestätisch wurde Obst damals drapiert … Quelle: https://twitter.com/70s_party

Das Ironische an dieser abstrusen Art des Servierens ist, dass sie damals als schön empfunden wurde. Das #instafood der 70er quasi. Ob Leute im Jahr 2070 wohl unser überhöht dargestelltes Hochglanzessen belächeln? Ich werde die Foodszene weiter beobachten und Bericht erstatten. Wir dürfen gespannt sein …

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